Erster Akt
Eine von Javiers Schwester, ihren Namen weiß ich immer noch nicht, fragte mich Freitag vor zwei Wochen ob ich nicht bei der Taufe ihres Sohnes als Fotograf dabei sein möchte. Ich sagte zu, da ich bis jetzt in Nicaragua noch keine Messe erlebt hatte und da ich für eventuelle gute Fotos gerne alles mache.
Am Sonntagmorgen dann, nach einer langen Nacht in der Gott und die Welt sich einiges von Mijail und mir hatten anhören müssen, bereue ich allerdings meinen Eifer und quäle mich unwillig aus den Laken. Die Taufeltern und der Täufling sind schon rausgeputzt, Vater und Mutter fast Ton in Ton limonig, der kleine in einem weißen Anzug der aussieht als ob er seinen Träger fressen wollte. Sie gehen schon los, ich frühstücke noch und will dann nachkommen.
An der Kirche angekommen überrascht mich zunächst die große Menge an Verkäufern und im offenen Kirchentor wartender Menschen. Ich stromere ein wenig herum, weiß nicht so recht wie ich ins Schiff gelangen soll, ärgere mich, dass ich nicht früher da war. Doch schon kurze Zeit später entdecke ich die Taufeltern, Entwarnung, sie warten auch, die laufende Messe hat nichts mit „unserer” Taufe zu tun. Ich begebe mich also wieder auf die Pirsch nach Motiven, komme dabei, nachdem ich ihn photografiert habe, mit einem Herrn, der neben mir auf der Mauer sitzt ins Gespräch. Er erzählt mir von seiner Arbeit, er vertreibt irgendeine Chemikalie, ich frage ihn ob er zufrieden ist mit der Arbeit, er antwortet - wie fast alle die ich bis jetzt fragte - dass man froh sein kann, wenn man eine Arbeit hat und nicht, wie so viele Nicas nach Costa Rica oder in die USA Gastarbeiten gehen muss. Währenddessen beobachte ich ein paar Waghalsige, wie sie im Dienste der Kirche Knallkörper aus der bloßen Hand in die Luft schiessen. Das Knallen ersetzt das Kirchengeläut, es geht auf Ostern zu, das scheint der Grund für dieses Feuerwerk zu sein.
Nachdem ich zuerst vermutete, dass es am Anschluss an die erste Messe noch eine zweite mit unserem Täufling geben wird, werde ich nun eines Besseren belehrt. Eine zweite gibt es nicht. Nach dem Ende der Messe beginnt ein entspannt anmutender, jedoch zügiger Austausch der Menschenmasse vor den Toren mit denen in der Kirche. Einige Wasserverkäufer werden auch mit hereingespült und betreiben im inneren weiter munter ihr Geschäft. Ich spreche daraufhin Javiers Schwester auf die Bibelstelle an, wo Jesus die Händler aus dem Tempel wirft, sie zuckt mit den Achseln und grinst, meint, dass die Händler die Bibel wohl nicht lesen würden.
Die Taufe selbst ist Akkordarbeit, der Pastor betont einige Male, dass die Taufpaten selbstverständlich katholisch getauft sein müssten, da sie sonst dem Täufling ja kaum die richtigen Weisheiten mit auf den Weg geben könnten - das scheint wohl häufiger mal vergessen zu werden. Danach arbeitet er routiniert die Schlange aus Taufpaten und Täuflingen ab, die sich vor ihm aufgereiht hat. Ein Segen für alle. Dann geht’s zum Taufbecken. Hier das selbe Bild. Ich beobachte ihn sogar, wie er zwischen zwei Täuflingen auf die Armbanduhr schaut - in Deutschland würden die Taufeltern für diese Unverschämtheit wohl nichts weniger als die Kirche anzünden, oder zumindest den Pfarrer. Nach kaum zehn Minuten ist die „Zeremonie” vorbei, die Welt ist um ein knappes Dutzend katholischer Christen reicher. Der wichtigste Teil kommt erst jetzt: das perfekte Tauffoto. Ich gebe mir redlich Mühe, kabbelle mich mit einer Armada Paparazzi um den besten Blick aufs Taufbecken. Die entstandenen Photos gefallen mir nicht, die Taufgemeinschaft aber scheint zufrieden.
Zweiter Akt
Nach dem geistlichen in der Vorwoche steht nun das weltliche Tauffest an. Dafür wurde eine beachtliche Gruppe aus Verwandten, Freunden und Nachbarn im Hofe Bobadilla versammelt. Die geladenen, vor allem die Frauen und Kinder haben sich für den Anlass herausgeputzt. Die Frauen fast generell mit etwas zu viel Mut zur Farbe und zum Make-Up, die Mädchen vorwiegend als Prinzessinnen.
Es soll eine „Piñata” für die Kinder geben, wovon mir schon oft erzählt wurde, was ich jedoch noch nicht zu sehen bekommen hatte. Bei einer Piñata, die hier in Nicaragua zu jedem ordentlichen Fest mit kindlicher Beteiligung gehört, geht es für die Kleinen darum, mit einem Stock ein erhöht aufgehängtes und mit Süssigkeiten gefülltes Gebilde aus Pappmaché, schlagend um seine Schätze zu erleichtern. Nach den begeisterten Erzählungen war ich allerdings vom Gesehen dann ein wenig enttäuscht, mir schien es, dass weder die Kinder noch die Zuschauer direkt von Euphoriestürmen gebeutelt waren. Aber da es ohne Piñata, ebenso wie ohne in Neonfarben leuchtende mehrstöckige Torten, wohl kaum ein gesellschaftlich akzeptiertes Kinderfest in Nicaragua geben kann, musste diese Pflichterfüllung denn eben sein. Was den Kuchen betrifft fiel sie den Gästen augenscheinlich schon deutlich leichter. Auch eisgekülte „Gaseosa” (Coca Cola) flossen in Strömen und so gingen am Ende des Tages alle, mit vom Zucker vermutlich schon leicht kristallinen Blut, zufrieden und satt nach Hause.

















