Die normalerweise nach deutschen Maßstäben pünktliche Sarah verspätet sich. Wir wollen auf eine Finca, einen dem Namen nach landwirtschaftlichen Betrieb, einige Kilometer südlich von Tipitapa, der der Gemeinde gehört. Bei unserem ersten Besuch haben wir jedoch schon vom Geld- und Konzeptmangel erfahren, der bis jetzt dafür sorgte, dass nichts angebaut sondern das Gelände nur verwaltet wird. Ich warte bei Svenja.. Als Sarah kommt brechen wir direkt auf, die Mittagszeit ist in Nicaragua nicht zum Arbeiten gedacht, wir wollen früher da sein.
Unsere Route führt mit dem Bus Richtung Masaya. Die von Horizont zu Horizont reichende Landstraße, die darauf hinrollenden gigantischen Trucks und die umgebende Landschaft erinnern an Easy Rider und Route 66. Der Busfahrer winkt uns am Bestimmungsort nach vorne, wir steigen als einzige aus, mitten in der Pampa. Auf der einen Seite sehen wir einen Verkauf von technischem Gerät und Schrott auf der anderen einige Blechhütten die trostlos und scheinbar unbewohnt ihrem Verfall entgegen sehnen.
Nach einem knappen Kilometer Marsch noch auf der Landstraße treffen wir auf den Verwalter der Finca, der uns mit seiner Frau erwartet. Bernardo und Bernarda - die kraftlose Komik der Namen passt zur Stimmung. Bernardo hat kein Gefährt, auch kein Pferd, also werden wir die drei Kilometer zur Finca laufen. Der Geruch von gerösteten Erdnüssen und Öl hüllt unsere ersten Schritte, die dazugehörige Fabrik bleibt jedoch schnell hinter uns, vor uns nun nur noch das weite Land. Zur Rechten eingerahmt von den Sägezähnen schroffer Vulkanformationen, zur Linken nur begrenzt von graublau bewölktem Himmel.
Wir marschieren stumpf. Bernardo und Bernardas Worte sind so kark wie die Steppe durch die wir gehen. Die Hitze scheint Vegetation und Sprache gleichsam auszudörren. Ein rauher Wind pfeift durch abgestorbene Bäume und windschiefe Blechverschläge, die wie Mahnmale begrabener Hoffnungen aus dem brüchigen Boden ragen. Die Landschaft wirkt, wie wenn sie das Atmen vergessen hätte.
Doch dann, kurz vor Erreichen der ersten Ausläufer der Finca: Eine göttliche Erscheinung. Vor uns steht ein makellos schwarz glänzender Jungbulle, wie ein opalener Edelstein mitten in der Wüste glänzt er surreal im diffusen, wolkenverhangenen Licht. Von überirdisch wohlgeformter Gestalt schaut er uns ruhig an und trottet dann wie in geheimer Eile weiter. Erst jetzt sehen wir den ihn verfolgenden Besitzer, der uns uns in der selben Eile wie sein Tier zunickend passiert.
Wir laufen die letzten paar Meter zum Zaun der Finca, steigen drüber, sehen 100 Meter vor uns einen Alten, den wir schon beim letzten Besuch gesehen hatten, mitten auf dem Weg sein Fahrrad reparieren. Auch er lässt uns nahezu unkommentiert vorbeiziehen. Als wir die Behausungen erreichen erwarten uns die scheu blickenden Kinder des Hauses und eine Alte, der Rest scheint ausgeflogen. Die Szenerie gleicht der vom letzten Besuch, ist wie in Lethargie erstarrt. Wir bekommen sehr süßen, lauwarmen Kaffee zu trinken, der nicht nach Kaffee schmeckt. Wollen wissen, was es für uns heute zu tun gibt. Zuerst werden wir die in langen Schoten verpackten Samen eines Baumes sammeln. Bernardo und ich biegen die dünnen, flexiblen Stämme, so dass die Kronen vom Boden zu erreichen sind und Sarah und Bernarda ernten ab. Wir füllen einen halben Sack damit. Ein stille Befriedigung erwächst mir aus der einfachen und klar definierten Arbeit.
Danach befreien wir die Wege der Finca mit der Machete von Unkraut und frischem Gewächs und wenn es mir auch absurd vorkommt, die wenigen grünen Sprösse abzuhacken, fühle ich mich mit jedem Meter gesäuberten Pfadbodens ein Stück zufriedener. Ein Mädchen von vielleicht 10 Jahren begleitet uns die ganze Zeit, ich Frage nach ihrem Namen, sie will ihn mir nicht nennen, irgendwann beginnen wir ein Spiel, ich habe mir einen der abgehackten Zweige mit schönen roten Beeren an den Hut gesteckt, sie klaut ihn mir und lässt ihn dann auf dem Weg wieder fallen, ich nehme ihn wieder an mich, sie klaut ihn wieder. Das geht so fast die ganze Zeit und unterhält uns beide gut. Um zwölf machen Bernardo und Bernarda Feierabend, wir beschließen direkt zu gehen, sagen jedoch zu nächste Woche wiederzukommen. Kurz bevor wir aufbrechen erfahre ich dann doch noch den Namen des kleinen Mädchens, sie heißt Esperanza, Hoffnung.
















