Gestern Abend.
Der Tag war so heiß, dass ich selbst jetzt, kurz nach 9 noch schwitze, als ob es was zu gewinnen gäbe. Gibt es aber nicht. Ich schwitze umsonst. Ich bin am eindösen. Die Mücken haben das Buffet bereits eröffnet und wie immer wenn es etwas umsonst gibt kennt keiner ein Maß. Wie die Viecher zulangen erinnert an Kaffeefahrtverhalten Deutscher Endsechziger, es scheint da einen gemeinsamen Vorfahren zu geben. Meine Unterarme verwandeln sich in Vulkanlandschaften, im Land der Tausend Vulkane vielleicht ja ein gutes Omen. Ich zweifle jedoch und grüble über meine Blutgruppe nach, die Chancen dass ich bald Transfusionen brauche stehen gut, der Blutverlust ist enorm.
Unterbrochen werde ich in meiner Agonie von Sirenengeheul. Im Prinzip nichts ungewöhnliches. Nicas und Sirenen bzw. Hupen führen vermutlich schon seit Aufkommen der erste Automobile im Land eine innige Beziehung. Auch kein Raggaeton-MC, der was auf sich hält verzichtet darauf seine Beats mit regelmäßigem Hornstößen, aufzu - naja, ich weiß nicht - pimpen? Doch dieses mal hält der Ton an, der rollende Beat bleibt aus und es beginnt keiner mit dem Anpreisen von Avocados oder Fernbedienungen. Es scheint etwas ernstes zu sein.
Tatsächlich rauscht auch schon wenig später ein Einsatzwagen der örtlichen Feuerwehr am Haus vorbei. Während mir ein Feuerwehreinsatz in Deutschland noch nicht mal ein Gähnen entlockt und ich auch im Traum nicht darauf käme einen Hängemattenplatz dafür aufzugeben sieht die Situation hier etwas anders aus. Einen Feuerwehrwagen sieht man hier ähnlich selten wie einen kinderlosen, blondgelockten Nica mit kurzer Hose. Svenja holt erste Informationen von der allezeit bestinformierten Claudia ein: Drei Häuser weiter scheint ein Mann auf mysteriöse Weise in den eigenen Brunnen gestürzt zu sein und ebenda die letzten beiden Stunden auf die Feuerwehr wartend verbracht haben. Rettungsversuche von Familien und Freunden scheiterten mehrmals an gerissen Seilen und anderen technischen Schwierigkeiten. Svenja erzählt weiter, dass es durchaus vorkommt, dass die Feuerwehr nicht ausrückt, da sie kein Benzin hat. Gemessen daran sind also zwei Stunden noch ein echter Glücksfall.
Mittlerweile hat sich schon ein Heer Schaulustiger in der Straße formiert. Ganz zweifellos waren einige der Aufgelaufenen schon im Bett, aber wer will sich so etwas schon entgehen lassen? Nur kurze Zeit nach der Feuerwehr fährt ein Aufnahmewagen des lokalen Nachrichtensenders, begleitet von einer LaOla vergnügt-schadenfrohen Lachens vor. Alle sind bester Laune; es herrscht Festtagsstimmung. Ich ertappe mich dabei, wie ich nach Bratwurstverkäufern und Bierbänken Ausschau halte, natürlich vergeblich. Viel fehlt jedoch nicht. Das Haus des Unglücklichen ist mittlerweile zum öffentlichen Ort erkoren worden. Alle möglichen Leute gehen aus und ein um das Geschehen möglichst unverfälscht und in der ersten Reihe erleben zu können, auf der Gegenseite erlaubt der Blick auf Nachbars TV selbiges. Die Familie ist nirgendwo zu sehen. Vermutlich hat sie sich vor Scham verkrochen oder ist, was ich ihr wünschen würde, im Urlaub ebenfalls am Fernseher und amüsiert sich wie alle restliche Welt auch. Nach fünf Minuten wird der Gepeinigte mit Halskrause, die ihm zu seinem eigenen besten den Blick auf das umgebende Geschehen verwehrt, auf einer Bahre herausgefahren und im mittlerweile auch angekommen Krankenwagen verstaut. Anschließend entbrennt noch ein kurzer Streit unter den vom Fernsehen interviewten Umstehenden, der vom großartigen Finale der Vorstellung, dem Nichtanspringen des Krankenwagens beendet wird. Die Meute hilft schieben, der Wagen quält sich wackelnd um die Straßenecke. Die Vorstellung ist zu Ende.
Wie Ingrid zusammenfassend bemerkt werden heute wohl alle glücklich ins Bett gehen. Im Gedenken an den uneigennützigen Heroen. Schöne Vorstellung.
Wie das eben so ist hatte ich just an jenem Abend meine Kamera, das erste mal seit Wochen daheim gelassen. Darum kein Bildmaterial zum Vorfall.














