Vermischtes aus Tipitapa

Da mir alle zeitliche Orientierung der letzten Tage weitgehend abhandengekommen ist wird dieser Beitrag hier wohl so etwas wie ein Best-of der Erlebnisse in nicht zwingend chronologischer Reihenfolge.

My supersweet Eighteen

Dinahs Geburtstag

Am Samstag (wenigstens den Tag weiß ich also hier doch noch) hatte Dinah ihre 18.-Geburtstagsfeier mit Freunden, nach der 18.-Geburtstagsfeier mit Nachbarn am Vortag und der 18.-Geburtstagsfeier am Geburtstag, am Mittwoch. Für diesen Anlass wurde eine 10.000 -Watt-Bassmachine gemietet, die Wohl auch einem Mick Jagger noch Respekt abgenötigt hätte. Gemessen an diesem Aufgebot und westlichen Partys gings dann allerdings eher zahm zu. Es wurde ähnlich wie bei uns erst nach einer Aufwärm- und Gesprächsphase getanzt, weitgehend in Maßen Alkohol getrunken und Svenja, also Dinahs Mutter war auch ständig anwesend. Getrunken wurden Elephantenfüße, 2-L-Flaschen mit dem nationalen Heiligtum „Flor de Cana” - Rum also. Mit Raggaeton, der allgegenwärtigen Musik hier, hab ich noch so meine Probleme, es gilt also eventuelll die Leute hier mit Balkanbeats zu missionieren. Ein Kampf gegen Windmühlen vermutlich.

Mijail

Mijail und Sarah

Ein paar erste Zeilen über diesen Kerl will ich euch nicht vorenthalten, er ist aber auf jeden Fall auch für eine noch zu erwartende, geplante Interview-Serie eingeplant. Mijail, und das ist wahrscheinlich so ziemlich das erste was er mir über sich erzählt hat, fährt Autorennen, illegale mitunter. Sein ganzer stolz ist demzufolge seine Rennmaschine, irgendein japanisches Fabrikat glaub ich, mit ausgetauschtem, getunetem Motor, und sein Clique von Rennfahren, dessen Boss er ist, die scheinbar bevorzugt vor seinem Haus vagabundieren. Was ihn dabei wirklich interessant macht, dass er gleichzeitig Anwalt! (ja, haha) und ein Mensch von ziemlich ausgeprägten Prinzipien und einem scheinbar sehr klassischen Ehrverständnis ist. Diese Ambivalenz, von der es sicherlich auch noch mehr Aspekte gibt, kann ich auf jeden Fall kaum erwarten kennenzulernen.

Mimik & Gestik

Interessant zu beobachten hier ist wie ich versuche Leute anhand ihrer Gestik zu beurteilen versuche. Da mir ja in vielen Fällen das Verständnis einfach noch fehlt wird das Beobachten zum einzigen Analysewerkzeug schlechthin. Gemütszustände werden einem manchmal vom Minenspiel des Gegenüber wie auf dem Tablett serviert, die kleine Arlen ist dabei das absolute Paradebeispiel (Arlen ist übrigens die mutmaßliche Anna aus einem vorangegangenen Artikel und außerdem Tochter von Svenja), sie schmollt, leidet, kuschelt, kichert, schlägt im ständigen Wechselsspiel, schätzungsweise hauptsächlich um Aufmerksamkeit zu erreichen.

Mijail wiederum ist ein Mensch der große Worte bevorzugt mit mindestens ebenso großen Gesten unterstreicht. Er steht mitten im Gespräch auf, kniet nieder, greift an sein Herz, an das Herz des Gegenübers, er illustriert seine Worte, spielt sein eigenes Theaterstück und dann, immer wieder, lacht er mit einem kaum merklichen Anflug von Schüchternheit, die mit allem bricht was er zu sein scheint.

Javier redet ruhig, bedacht, fast gemütlich. Er lacht entweder tief und gluckernd oder laut und über die ganze Breite seines Gesichtes. Man hat das Gefühl das er ein wirklich dickes Fell hat, das er sich nicht ohne Grund zulegen musste, das im jetzt aber hilft sehr ausgeglichen zu scheinen.

Der Eindruck von Svenja ist leider nicht ganz so unverfälscht und pur, mit ihre rede ich ja schließlich deutsch.

Ich kann es mittlerweile kaum noch erwarten Spanisch verstehen zu können, gleichzeitig ist es wohl auch ein Verlust, dass dann dieses Beobachten der Menschen wieder in den üblichen Hintergrund gedrängt wird; immerhin hab ich nichts weniger als das Gefühl, dass man auf diese Weise sogar schneller auf den Grund der Menschen kommt wie wenn man mit ihnen redet.

Die Casita del Arbol

Azul

Junge in der "casita del arbol" liest "Azul" von Ruben Dario

Gestern war ich zum ersten Mal im Projekt. Das Haus liegt in einem der Stadtzentren, am Rande eines sogennanten Parque, wobei ein Park wohl kaum ein guter Vergleich wäre, Bäume sind eher Mangelware, hauptsächlich umfasst der Parque einen Basketballplatz, eine überdachte Spielhalle und zahlreiche Imbissbuden. Im Voraum des Hauses ist die Bücherei, drei Regalreihen mit Büchern, ein paar Tische und Stühle. Im Hinterhaus eine Abstellkammer und so etwas wie eine Küche. Hinterm Haus dann ein steiniger Garten, einige der hier üblichen großblättrigen, dickfleischigen, ein Bananenblätterdach und zwei Bäume. Um 11 sprudeln die Kinder zur Tür herein; hauptsächlich gilt ihr Interesse den verschiedenen Spielen. Es gibt Schach, Mensch-ärgere-dich-nicht und Lego. Ein vielleicht 12-jähriger Junge leiht Ruben Darios Azúl aus. Alle sind quirlig und friedlich. Als Sarah und ich die Meute fotografieren wollen bricht großes Vergnügen aus. Alle bringen sich in Pose, zeigen Gemaltes vor, zeigen Victorys, Gangstergrüße oder irgendwelche anderen Zeichen.

Mein Laptop schmilzt.

Da unglücklicheweise mein Laptop gerade dabei ist sich durch meine Oberschenkel zu löten, muss ich an dieser Stelle erstmal ein Pause machen, wenn es auch noch unendlich viel mehr zu erzählen gäbe. Nur vielleicht noch ein kurzer Appell, wenn euch meine Einträge gefallen so schreibt mir lieber Kommentare zu den Artikeln wie Emails an mich. Intime, hetzerische oder revolutionäre Angelegenheiten könnt ihr mir ja dann trotzdem nach wie vor per Email oder per Brieftaube zukommen lassen.

One Comment

  1. Anna
    Eingetragen am 22.03.2010 um 09:00 | Permalink

    Hey hey :)
    Ich bin eigentlich eher aus Zufall auf deinen Block gestoßen, als ich mich über Tipitapa informieren wollte.. Naja so ein Zufall dann auch wieder nicht^^. Weil ich nämlich als nächstes bei dem Projekt “Casita del Arbol” mithelfen werde! :)
    Und genau deswegen würde ich mich total freuen, wenn du mir mal schreiben würdest. :) Ja ich bin eigentlich an allem interessiert. Du bist jetzt schon wieder zuhause oder nicht oder doch…? Ich bin für alle Erlebnisberichte total dankbar :).

    Liebste Grüße Anna.

Eigener Senf

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