Heute geht’s nach Granada, dem Touristen-, Hippie und Schwulen-Magnet Nicaraguas, das mit seinen schönen Kolonialbauten und der reicheren Bevölkerung im Vergleich zu Tipitapa was hermachen soll.
Wir nehmen den Bus nach Masaya, von dort aus soll es dann nach Granada weitergehen. Heute ist ein stürmischer Tag, es ist bedeckt, der Wind bläst einem kiloweise Staub in die Augen, der Qualm von verbrannten Müll reizt sie. Also kein Kindergeburtstag für die Guten.
Kaum das wir eingestiegen sind werden wir von den fliegenden Händlern umworben, die in den Bussen kleine Beutel mit Wasser, Nüssen oder kleine Gebäckstücke, „cosas de estufa” (Dinge aus dem Ofen), zu jeweils einem Cordoba anbieten. Ich hatte mich immer gewundert woher die ganzen Fahrgäste immer wissen, wieviel sie den Händlern zu zahlen haben, bis mir irgendwann klar geworden ist, dass die Händler einfach alle Portionen auf 1-Cordoba-Preise anpassen. Simpel aber genial.
Nach einer Weile fällt mir einer dieser Typen auf, ausgestattet mit bodybuilding-gestähltem Stiernacken und Terminator-Sonnenbrille, die sich im Bus für ein gekonntes Bizepsmuskelspiel immer irgendwo oben an der Decke festhalten. Ihr gönnerhaftes Dauergrinsen scheint einem sagen zu wollen: „Seht her, ich hab das beste aus mir gemacht. Wo bleibst du?”, blanke Ironie, wenn man einmal Vermutungen anstellt wieviele Bücher diese Kerle wohl in Händen hatten.
Danach fällt mir ein „Celle”, ein Weißer, auf der vier Reihen vor mir sitzt. Er ist schon ziemlich alt, schätzungsweise 70 oder 80. Er trägt Baseballkappe, Sonnenbrille, viel Bart und langes blondgelocktes Haupthaar. Wäre ich ein Naziverbrecher würde ich mich so verkleiden. Alles was ich sehe spricht für einen Nazi. Es wird ja wohl nur einem bewusst lebenden Arier gelingen mit 80 Jahren noch einen Schopf wie Goldlöckchen kurz nach der Einschulung vorweisen zu können. Was er wohl für ein Shampoo nimmt? Walkürenbalsam? L’Arier? Und wer, der nicht Dreck am Stecken hat, rennt in diesem Land freiwillig mit Rauschebart, Hippieschopf und Baseballcap durch die Gegend? In Gedanken sacke ich die 100.000 Dollar Lösegeld für diesen vermeintlich KZ-Oberaufseher schon ein und finanziere mir damit meine Motoradreise durch den Kontinent.
Mit zunehmender Fahrtdauer, wir sind wohl etwa schon eine Viertelstunde unterwegs, sehe ich wie sich einige Nicas mit verschränkten Armen und Kopf in den Armen, Gesicht nach unten, an ihren Vordersitz gelehnt haben. Sie scheinen wohl zu schlafen. Ich muss das unbedingt auch mal so probieren.
Kurze Zeit später wird eine ganze Schar blütenweißer Schulkinder in den Bus gespühlt. Sie sehen nicht nur aus wie Blütenblätter, sie duften auch so. Die Schuluniformen in Nicaragua bestehen alle aus blauer Hose oder Rock mit weiser Bluse oder Hemd (Die Nationalfarben werden dabei aufgegriffen). Ihre absolut makellosen Erscheinungen bringen mich kurze Zeit später zur Erkenntnis, dass sie wohl auf dem Weg zur Schule sein müssen, und nicht von da kommen können. Ein paar Stationen weiter werden sie alle, wie von einem Windstoß wieder hinausgeweht und ergießen sich auf dem Weg zur Schule als eine Blumenwiese.
Danach gewinnt eine sehr dicke Frau meine Aufmerksamkeit, sie hat sich nach den Schulkindern in den Bus gewuchtet. Einmal mehr erstaunt mich die Tatsache, dass es bei der Spezies Mensch, trotz gleichen Alters, Lebensweise und Geschlechts, zu ziemlich drastischen Volumina-, bzw. Masse-Unterschieden kommen kann. Gemein wie die Welt nun mal ist kann dieser Volumenunterschied auch ziemlich hinderlich sein, wie kurze Zeit später ein kleiner, dicker Junge am Wegesrand erfahren muss, der vom Busfahrer hämisch hupend links liegen gelassen wird, nachdem dieser 50 Meter zuvor zwei junge, schlanke Frauen sehr wohl aufgelesen hatte.
Das nächste Highlight ist ein beschlipster und scheinbar auch beschwipster Missionar, der monoton und mit leidendem Blick in der ersten Reihe des Busses, zu den Fahrgästen gewandt, eine Predigt hält. Eine Predigt allerdings ohne ein verständliches Wort, er lallt ausschließlich nicht nur für mich unverständliches Zeug. Das allerdings mit einer gehörigen Portion Inbrunst und Angetan um Mitleid zu erregen. Dinah klärt mich auf, das alles nur Schauspiel bzw. Masche ist. Alle folgen mehr oder weniger gebannt der Inszenierung. Nach zwei Stationen ist er fertig, der Bus applaudiert. Da capo! Da capo, maestro! Vorhang. Ab.
Wir erreichen die Endstation des Busses - zufälligerweise die Tankstelle des kürzlich beschrieben Fotos - hier steigen wir um in einen dieser kleinen Busse, die in Deutschland von maximal 9 Personen bereist werden. Hierzulande passen 20 locker rein. Die Frauen im Bus tragen mehr Schmuck als zuvor im anderen Bus; es geht auf Granada zu.
Bald danach kommen wir an. Granada ist tatsächlich schön. Es wirkt pervers wie die weißen Touristen in den teuren Restaurants und Pferdekutschen unter sich sind und wie sie sonnenbebrillt und digicambepackt in Rudeln von Kirche zu Kirche pilgern. Ich fühle mich unwohl.
Wie so häufig war der Weg das Ziel.














